Kurz vor und um 1900 ist eine erhebliche Ausweitung der Bemühungen
um die junge Generation festzustellen. Zumeist mit sozialen Motiven gingen
diese von Staat, Kirchen, politischen Parteien und Sportverbänden
aus; als "Jugendpflegeverbände"
sprachen sie zumeist die Arbeiterjugend
an. Intention war, der angenommenen "Verwahrlosung" der Jugendlichen (d.h.
dem "Teufelskreis" zwischen Werkstatt/Geldverdienen und Kneipe) entgegenzuarbeiten,
sozialdemokratische Tendenzen zu unterdrücken oder - von der Sozialdemokratie
ausgehend - die Jugend für diese zu gewinnen.
Von heute aus ist es schwierig, die Entwicklung der Jugendverbände
zahlenmäßig zu erfassen. Zwischen den einzelnen Gruppen bestanden
erhebliche Differenzen in der Frage, wer als "jugendliches Miglied" gezählt
wurde (unter 18/unter 25 Jahren), von der Ausrichtung her gab es zahlreiche
Überschneidungen (z.B. sozialdemokratische Turn- und Sportvereine).
Abgrenzungen bleiben daher stets unscharf, so ergeben sich z.T. erhebliche
Differenzen zwischen den Angaben von Nipperdey und Wehler.
Auf jeden Fall läßt
sich ein großer zahlenmäßiger
Erfolg dieser Bemühungen feststellen:
1913/14 sind in kirchlichen
Verbänden ca. 725.000 katholische bzw. 397.000 evangelische Jugendliche
organisiert, 65.000 (Wehler) bis 350.000 (Nipperdey) in Turn- und Sportvereinen,
80.000 bei den Pfadfindern, ca. 128.000 in politischen Parteien, und der
Jungdeutschlandbund als Dachverband für staatlich kontrollierte Jugendarbeit
zählt 750.000 Mitglieder. (Zahlen nach Nipperdey, S. 155f. und Wehler,
S. 1098f.)
Selbst wenn man bei der problematischen Erfassung etwaige Doppelzählungen
berücksichtigt, zeigt sich, daß die bürgerliche
Jugendbewegung, zu dieser Zeit im wesentlichen durch den Wandervogel
repräsentiert, gegenüber der Arbeiterjugendbewegung eine verhältnismäßig
kleine Gruppe bildete: 1913/14 erfaßte sie "nur" 25.000-30.000 Mitglieder.
Dennoch muß gerade der
bürgerlichen Jugendbewegung eine prinzipielle Rolle in Kaiserreich
und Weimarer Republik zuerkannt werden: sie prägte Lebensstil, Kultur
und Mentalität im Deutschland dieser Zeit. Mithin ist die Befassung
mit ihren Ideen und Wirkungen für die Analyse der Zeit relevant.
Die bürgerliche Jugendbewegung war eine "typisch
deutsche" Bewegung (vgl. Knoll: Typisch deutsch: die Jugendbewegung.
1988), sie wurde in erster Linie von Jugendlichen aus dem bildungsbürgerlichen
Milieu getragen: 80 % der Mitglieder waren Gymnasiasten, die
restlichen 20 % besuchten fast ausnahmslos eine höhere Schule; je
zur Hälfte stammten sie aus Akademikerfamilien bzw. aus Famnilien
der oberen Mittelklasse und aus aufstiegsorientierten Mittelschichtfamilien.
Obwohl also in den Programmen
der bürgerlichen Jugendbewegung soziale Schichtzugehörigkeit
keine Rolle spielte, gab es weder proletarische noch adlige Mitglieder
- der Gedanke der "Volksgemeinschaft", den sie für sich beanspruchte,
muß als eine ihrer Selbststilisierungen, als Beispiel für ihre
Tendenz zur Mythenbildung, gewertet werden.
Zur "bürgerlichen Jugendbewegung"
sind die folgenden Gruppen und Strömungen
zu zählen:
Der Wandervogel,
der aus Ausflügen einer schulischen "Stenographie-AG" hervorgegangen
war. 1901 wurde der Verein gegründet, dessen Träger, und Unterstützer
Lehrer und Eltern waren - der Wandervogel ist also keine "Sezession
der Jugend", wie er seinerzeit von Personen wie Gustav Wyneken oder Eduard
Spranger gedeutet wurde, sondern ist völlig in die bestehende Gesellschaft
und Schulstruktur eingebunden! Während des ersten Jahrzehnts dieses
Jahrhunderts breitete sich der Wandervogel in zahlreichen Ortsgruppen quer
durch das deutsche Reich aus, zugleich spaltete er sich in mehrere Vereinigungen
auf, die 1912/13 sich größtenteils unter dem Dachverband "Wandervogel
- Bund für Deutsches Jugendwandern" wieder zusammenfanden.
Zentral war im Wandervogel
das Erlebnis der Gemeinschaft, das in den Gruppenwanderungen durch "Gemeinschafts-Accessoires"
wie die "Kluft", den "Hordentopf", die "Klampfe" etc. verstärkt wurde;
man inszenierte einen als spezifisch "jugendlich" definierten Lebensstil.
Damit wollte man sich bewußt vom "typischen" Jugendlichen der Zeit
absetzen, der möglichst schnell als Erwachsener anerkannt werden wollte
und z.B. studentisches Verbindungsleben kopierte (ausgedrückt ist
dieses Bewußtsein z.B. in dem Film "Der blaue Engel"!).
Der Hamburger
Wanderverein, der 1905 von Knut Ahlborn gegründet wurde,
übertrug das "Wandervogel-Lebensgefühl" auf die akademische Jugend,
was z.B. in der Abstinenz von Alkohol und Tabak ausgedrückt wurde
- auch hier fand also jugendliche Selbstinszenierung und Selbstthematisierung
statt. 1907 ging der Hamburger Wanderverein in die Deutsche
Akademische Freischar über.
Die kulturkritische und modernitätsskeptische
Grundhaltung bewirkte eine gewisse Nöhe der Jugendbewegung zu lebens-
und kulturreformerischen Kräften der Zeit (Lebensreform, Schulreform,
Frauenbewegung, Sozialreform, Werkbund, Dürerbund). 1913, im Rahmen
des Festes auf dem Hohen Meißner, erfolgte der Zusammenschluß
verschiedener Verbände zur Freideutschen
Jugend: Von den 14 unterzeichneten Vereinigungen gehörten
vier zur Jugendbewegung im engeren Sinne, weitere vier zu den aus der Jugendbewegung
hervorgegangenen Studentenverbindungen, drei zu den Schulreformern, eine
zu den Lebensreformern, zwei weitere lassen sich nicht eindeutig zuordnen
(vgl. Mogge/Reulecke, Hoher Meißner 1913. 1988, S. 64).
Von diesen Strömungen, die
sich innerhalb der allgemeinen bürgerlichen Modernitätsskepsis
bewegten und deren Gedankenkonstrukte keinen Anspruch auf Veränderung
der gesellschaftlichen Realität erhoben, hob sich nach 1910 eine weitere
Strömung ab, die eine offene Auseinandersetzung der Jugend mit Schule
und Elternhaus propagierte und die öffentliche Diskussion über
Jugend und Jugendbewegung erheblich anheizte. Diese Strömung berief
sich auf Gustav Wyneken und seinen Gedanken der "Jugendkultur" und bezeichnete
sich selbst als "Jugendkulturbewegung".
Dieser Terminus bezieht sich auf Gruppen wie die von Siegfried Bernfeld
und Georges Barbizon herausgegebene Schülerzeitschrift "Der Anfang",
die ebenfalls von den beiden ins Leben gerufenen Sprechsäle als Diskussionsforen
für Schüler, das von Bernfeld geleitete "Academische Comité
für Schulreform" in Wien oder die "Studentisch-pädagogische Gruppe"
Freiburg um Walter Benjamin.
Insgesamt erlebte die bürgerliche
Jugendbewegung seit der Jahrhundertwende bis 1914 einen erheblichen Aufschwung,
sowohl zahlenmäßig als auch als öffentliches Thema, was
sich u.a. in Zeitungen und Zeitschriften der Zeit niederschlägt. Im
Zuge des Ersten Weltkrieges hatten
"Utopien der Jugend" Konjunktur: speziell wurde auf eine entscheidende
gesellschaftliche Rolle der Jugend nach dem Krieg abgezielt (vgl. Gudrun
Fiedler, Jugend im Krieg). Das Kriegserlebnis wurde als "Bewährungsprobe"
interpretiert, aus der ein Anspruch der Jugend auf gesellschaftliche (Mit-)Wirkung
und (Mit-)Gestaltung der Zukunft abgeleitet wurde. Anders ausgedrückt:
der Krieg markiert einen thematischen Bruch
in der Umorientierung von der Frage, was Jugend in der Gegenwart ist,
zu der, was sie für die Zukunft sein soll.
Die Auswirkungen dieses thematischen
Bruchs zeigen sich in der nach dem Krieg sich etablierenden "bündischen
Jugendbewegung", die ihr mit diffusen Heilshoffnungen verknüpftes
Jugendbild gesellschaftlichen Verfallstheorien gegenüberstellte, das
utopische Ideal eines "neuen Menschen" mit einem elitären Sendungsbewußtsein
verband und sich zu einem demokratiefeindlichen, vom Führer-Gefolgschafts-Verhältnis
geprägten Bund zusammenschloß. In der bündische Jugend
konkurrierte freilich eine ganze Anzahl von meist selbsternannten "Jugendpropheten",
im Hinblick auf die gesellschaftliche Praxis blieb sie jedoch ebenfalls
so unkonkret, daß die erhofften praktischen Auswirkungen ausblieben.
Einen Angelpunkt für die verschiedenen Richtungen der Jugendbewegung
und deren Verhältnis zur Öffentlichkeit bildete die "Jugendkulturbewegung";
für eine Analyse des Umbruchs in der Definition
von "Jugend" bietet sie sich mithin als "roter Faden" an. Ihr
wichtigster "Kopf" war Gustav
Wyneken.
Date
of last change: 26.04. 2003