1. Hintergründe und Skizzierung des Themas

(vgl. als ersten Einstieg ins Thema: Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 1; Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3)

  Kurz vor und um 1900 ist eine erhebliche Ausweitung der Bemühungen um die junge Generation festzustellen. Zumeist mit sozialen Motiven gingen diese von Staat, Kirchen, politischen Parteien und Sportverbänden aus; als "Jugendpflegeverbände" sprachen sie zumeist die Arbeiterjugend an. Intention war, der angenommenen "Verwahrlosung" der Jugendlichen (d.h. dem "Teufelskreis" zwischen Werkstatt/Geldverdienen und Kneipe) entgegenzuarbeiten, sozialdemokratische Tendenzen zu unterdrücken oder - von der Sozialdemokratie ausgehend - die Jugend für diese zu gewinnen.

  Von heute aus ist es schwierig, die Entwicklung der Jugendverbände zahlenmäßig zu erfassen. Zwischen den einzelnen Gruppen bestanden erhebliche Differenzen in der Frage, wer als "jugendliches Miglied" gezählt wurde (unter 18/unter 25 Jahren), von der Ausrichtung her gab es zahlreiche Überschneidungen (z.B. sozialdemokratische Turn- und Sportvereine). Abgrenzungen bleiben daher stets unscharf, so ergeben sich z.T. erhebliche Differenzen zwischen den Angaben von Nipperdey und Wehler.
Auf jeden Fall läßt sich ein großer zahlenmäßiger Erfolg dieser Bemühungen feststellen:
1913/14 sind in kirchlichen Verbänden ca. 725.000 katholische bzw. 397.000 evangelische Jugendliche organisiert, 65.000 (Wehler) bis 350.000 (Nipperdey) in Turn- und Sportvereinen, 80.000 bei den Pfadfindern, ca. 128.000 in politischen Parteien, und der Jungdeutschlandbund als Dachverband für staatlich kontrollierte Jugendarbeit zählt 750.000 Mitglieder. (Zahlen nach Nipperdey, S. 155f. und Wehler, S. 1098f.)

  Selbst wenn man bei der problematischen Erfassung etwaige Doppelzählungen berücksichtigt, zeigt sich, daß die bürgerliche Jugendbewegung, zu dieser Zeit im wesentlichen durch den Wandervogel repräsentiert, gegenüber der Arbeiterjugendbewegung eine verhältnismäßig kleine Gruppe bildete: 1913/14 erfaßte sie "nur" 25.000-30.000 Mitglieder.
Dennoch muß gerade der bürgerlichen Jugendbewegung eine prinzipielle Rolle in Kaiserreich und Weimarer Republik zuerkannt werden: sie prägte Lebensstil, Kultur und Mentalität im Deutschland dieser Zeit. Mithin ist die Befassung mit ihren Ideen und Wirkungen für die Analyse der Zeit relevant.

  Die bürgerliche Jugendbewegung war eine "typisch deutsche" Bewegung (vgl. Knoll: Typisch deutsch: die Jugendbewegung. 1988), sie wurde in erster Linie von Jugendlichen aus dem bildungsbürgerlichen Milieu getragen: 80 % der Mitglieder waren Gymnasiasten, die restlichen 20 % besuchten fast ausnahmslos eine höhere Schule; je zur Hälfte stammten sie aus Akademikerfamilien bzw. aus Famnilien der oberen Mittelklasse und aus aufstiegsorientierten Mittelschichtfamilien.
Obwohl also in den Programmen der bürgerlichen Jugendbewegung soziale Schichtzugehörigkeit keine Rolle spielte, gab es weder proletarische noch adlige Mitglieder - der Gedanke der "Volksgemeinschaft", den sie für sich beanspruchte, muß als eine ihrer Selbststilisierungen, als Beispiel für ihre Tendenz zur Mythenbildung, gewertet werden.

  Zur "bürgerlichen Jugendbewegung" sind die folgenden Gruppen und Strömungen
       zu zählen:

  Der Wandervogel, der aus Ausflügen einer schulischen "Stenographie-AG" hervorgegangen war. 1901 wurde der Verein gegründet, dessen Träger, und Unterstützer Lehrer und Eltern waren - der Wandervogel ist also keine "Sezession der Jugend", wie er seinerzeit von Personen wie Gustav Wyneken oder Eduard Spranger gedeutet wurde, sondern ist völlig in die bestehende Gesellschaft und Schulstruktur eingebunden! Während des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts breitete sich der Wandervogel in zahlreichen Ortsgruppen quer durch das deutsche Reich aus, zugleich spaltete er sich in mehrere Vereinigungen auf, die 1912/13 sich größtenteils unter dem Dachverband "Wandervogel - Bund für Deutsches Jugendwandern" wieder zusammenfanden.
Zentral war im Wandervogel das Erlebnis der Gemeinschaft, das in den Gruppenwanderungen durch "Gemeinschafts-Accessoires" wie die "Kluft", den "Hordentopf", die "Klampfe" etc. verstärkt wurde; man inszenierte einen als spezifisch "jugendlich" definierten Lebensstil. Damit wollte man sich bewußt vom "typischen" Jugendlichen der Zeit absetzen, der möglichst schnell als Erwachsener anerkannt werden wollte und z.B. studentisches Verbindungsleben kopierte (ausgedrückt ist dieses Bewußtsein z.B. in dem Film "Der blaue Engel"!).

  Der Hamburger Wanderverein, der 1905 von Knut Ahlborn gegründet wurde, übertrug das "Wandervogel-Lebensgefühl" auf die akademische Jugend, was z.B. in der Abstinenz von Alkohol und Tabak ausgedrückt wurde - auch hier fand also jugendliche Selbstinszenierung und Selbstthematisierung statt. 1907 ging der Hamburger Wanderverein in die Deutsche Akademische Freischar über.

  Die kulturkritische und modernitätsskeptische Grundhaltung bewirkte eine gewisse Nöhe der Jugendbewegung zu lebens- und kulturreformerischen Kräften der Zeit (Lebensreform, Schulreform, Frauenbewegung, Sozialreform, Werkbund, Dürerbund). 1913, im Rahmen des Festes auf dem Hohen Meißner, erfolgte der Zusammenschluß verschiedener Verbände zur Freideutschen Jugend: Von den 14 unterzeichneten Vereinigungen gehörten vier zur Jugendbewegung im engeren Sinne, weitere vier zu den aus der Jugendbewegung hervorgegangenen Studentenverbindungen, drei zu den Schulreformern, eine zu den Lebensreformern, zwei weitere lassen sich nicht eindeutig zuordnen (vgl. Mogge/Reulecke, Hoher Meißner 1913. 1988, S. 64).

  Von diesen Strömungen, die sich innerhalb der allgemeinen bürgerlichen Modernitätsskepsis bewegten und deren Gedankenkonstrukte keinen Anspruch auf Veränderung der gesellschaftlichen Realität erhoben, hob sich nach 1910 eine weitere Strömung ab, die eine offene Auseinandersetzung der Jugend mit Schule und Elternhaus propagierte und die öffentliche Diskussion über Jugend und Jugendbewegung erheblich anheizte. Diese Strömung berief sich auf Gustav Wyneken und seinen Gedanken der "Jugendkultur" und bezeichnete sich selbst als "Jugendkulturbewegung". Dieser Terminus bezieht sich auf Gruppen wie die von Siegfried Bernfeld und Georges Barbizon herausgegebene Schülerzeitschrift "Der Anfang", die ebenfalls von den beiden ins Leben gerufenen Sprechsäle als Diskussionsforen für Schüler, das von Bernfeld geleitete "Academische Comité für Schulreform" in Wien oder die "Studentisch-pädagogische Gruppe" Freiburg um Walter Benjamin.

  Insgesamt erlebte die bürgerliche Jugendbewegung seit der Jahrhundertwende bis 1914 einen erheblichen Aufschwung, sowohl zahlenmäßig als auch als öffentliches Thema, was sich u.a. in Zeitungen und Zeitschriften der Zeit niederschlägt. Im Zuge des Ersten Weltkrieges hatten "Utopien der Jugend" Konjunktur: speziell wurde auf eine entscheidende gesellschaftliche Rolle der Jugend nach dem Krieg abgezielt (vgl. Gudrun Fiedler, Jugend im Krieg). Das Kriegserlebnis wurde als "Bewährungsprobe" interpretiert, aus der ein Anspruch der Jugend auf gesellschaftliche (Mit-)Wirkung und (Mit-)Gestaltung der Zukunft abgeleitet wurde. Anders ausgedrückt: der Krieg markiert einen thematischen Bruch in der Umorientierung von der Frage, was Jugend in der Gegenwart ist, zu der, was sie für die Zukunft sein soll.

  Die Auswirkungen dieses thematischen Bruchs zeigen sich in der nach dem Krieg sich etablierenden "bündischen Jugendbewegung", die ihr mit diffusen Heilshoffnungen verknüpftes Jugendbild gesellschaftlichen Verfallstheorien gegenüberstellte, das utopische Ideal eines "neuen Menschen" mit einem elitären Sendungsbewußtsein verband und sich zu einem demokratiefeindlichen, vom Führer-Gefolgschafts-Verhältnis geprägten Bund zusammenschloß. In der bündische Jugend konkurrierte freilich eine ganze Anzahl von meist selbsternannten "Jugendpropheten", im Hinblick auf die gesellschaftliche Praxis blieb sie jedoch ebenfalls so unkonkret, daß die erhofften praktischen Auswirkungen ausblieben.

  Einen Angelpunkt für die verschiedenen Richtungen der Jugendbewegung und deren Verhältnis zur Öffentlichkeit bildete die "Jugendkulturbewegung"; für eine Analyse des Umbruchs in der Definition von "Jugend" bietet sie sich mithin als "roter Faden" an. Ihr wichtigster "Kopf" war Gustav Wyneken.

 

 
Date of last change: 26.04. 2003